Arbeiten im Risikobereich: „Kindesschutz braucht eine offene und konstruktive Fehlerkultur“ Kreisjugendhilfeausschuss befasste sich in seiner jüngsten Sitzung mit dem Thema Kindesschutz

Kreis Paderborn (krpb). Christine Gerber vom Deutschen Jugendinstitut München ist überzeugt, dass die Analyse von problematischen Fallverläufen im Kindesschutz einen wertvollen Beitrag zur Qualitätsentwicklung in Jugendämtern leisten kann. Weil sie helfen, riskante Denk- und Handlungsmuster sowie fehlerbegünstigende institutionelle Rahmenbedingungen zu erkennen und zu verändern. Einfach formuliert: Entscheidend ist, wie Menschen und Organisationen mit ihren Fehlern umgehen. Die wissenschaftliche Referentin stellte im Paderborner Kreisjugendhilfeausschuss Erfahrungen und Ergebnisse anhand von fünf problematischen Fallbeispielen aus deutschen Jugendämtern vor. Der Ausschuss befasste sich in seiner jüngsten Sitzung schwerpunktmäßig mit dem Kindesschutz.

Bei medienintensiv begleiteten Fällen wie in Lügde dominiere zumeist die Suche nach dem Schuldigen. Bewertet würden die Entscheidungen auf der Basis des gegenwärtigen Wissens. „Unser Ansatz ist es, den gesamten Verlauf zu rekonstruieren, zu verstehen, wer wann warum welche Einschätzung traf“, betonte Gerber. Dieses Wissen helfe Jugendämtern, ihre Abläufe risiko- und fehlersensibler zu gestalten. Die Analyse der bundesweiten Fälle, betroffen waren Kinder im Alter von zwei Monaten bis drei Jahren, habe eine Reihe von Problemen und Stolpersteinen bei der Erstellung eines Schutzkonzepts ans Licht gebracht: So fiele es Fachkräften schwer, Vertrauen zu den Eltern aufzubauen und zugleich misstrauisch zu bleiben. Schwierige Themen würden vermieden oder geschönt, um nicht den Kontakt zu den Eltern zu verlieren. Daraus könnten Kompromisse resultieren, die hinter den Bedürfnissen des Kindes zurückbleiben. Gerber nannte eine hohe Falldichte, nicht ausreichende oder passende Hilfe- und Schutzmaßnahmen als weitere mögliche Fehlerquellen. Fachkräfte hätten in den ausgewerteten, bundesweiten Fällen oftmals Entscheidungen des Familiengerichts antizipiert, nach dem Motto „damit kommen wir vor Gericht sowieso nicht durch“. Oder sich von der Einstellung strafrechtlicher Ermittlungen entmutigen lassen. „Zu wenig Zeit für das Aktenstudium“ sei immer wieder benannt worden. Fälle mit Risiken für Kinder könnten sich zuweilen über mehrere Monate bis hin zu Jahren erstrecken. Bei der Erstellung des Schutzkonzeptes würden jedoch aktuelle Beobachtungen und familiäre Entwicklungen im Vordergrund stehen. 

 

„Kindesschutz braucht eine offene und konstruktive Fehlerkultur. Fehler ist nicht gleich Schuld. Es geht darum, aus Fehlern zu lernen, um künftige zu vermeiden“, betonte Kreisdirektor und Jugenddezernent Dr. Ulrich Conradi. Einmal pro Jahr würden alle Abläufe des Paderborner Kreisjugendamtes intern auf den Prüfstand gestellt. Den Missbrauchsfall in Lügde habe man zum Anlass genommen, diese auch extern überprüfen zu lassen. „Wir setzen auf Offenheit und Transparenz. Deshalb ist es für uns selbstverständlich, die Ergebnisse der Überprüfung auch in einer öffentlichen Jugendhilfeausschusssitzung vorzustellen“, unterstrich Vorsitzender Friedhelm Kaup. 

 

Professor Dr. Hans-Jürgen Schimke überprüfte im Zeitraum Juli bis Dezember 2019 zwölf Fälle bzw. die Aktenführung aus dem Paderborner Kreisjugendamt, mit zum Teil mehrjähriger Laufzeit. Sechs davon sind nach dem Zufallsprinzip ausgewählt worden. „Bei den anderen sechs Fällen hatten wir den Eindruck: Hier können wir am meisten lernen“, unterstrich Conradi, der sich ausdrücklich bei den Mitarbeitenden des Jugendamtes für diese Offenheit bedankte. Schimke empfahl, die Akten nicht chronologisch zu führen, sondern diese in eine Leistungs-, Gerichts- und Arbeitsplatzakte zu unterteilen. Bei der Umgangsbegleitung sollten verstärkt freie Träger mit ins Boot geholt werden, um die Mitarbeitenden des Kreisjugendamtes zu entlasten. Hausbesuche sollten klarer konzeptioniert werden, Eltern im Entscheidungsprozess bei den Hilfen zur Erziehung verstärkt einbezogen werden. Schimke griff die Empfehlung von Christine Gerber auf, offensiver mit Familiengerichten umzugehen. Beschwerdemöglichkeiten gegen Gerichtsbeschlüsse sollten aktiver genutzt werden. Da helfe es, sich zu vergegenwärtigen, dass eine Beschwerde vor Gericht keine Beschwerde sondern ein Rechtsmittel sei. „Insgesamt ermöglichen Ihre Akten einen klaren Blick auf Ihre Entscheidungsprozesse. Ich habe größten Respekt vor Ihrer Arbeit“, bekräftigte Schimke. 

 

Bei den anwesenden Mitarbeitenden des Allgemeinen Sozialen Dienstes kam das sichtlich gut an. „Wir arbeiten im Risikobereich. Auch der öffentliche Druck ist enorm. Uns ist bewusst, dass gerade im Kindesschutz Fehler fatale Folgen haben“, unterstrich Kreisjugendamtsleiter Günther Uhrmeister. Trotzdem sei Angst der falsche Ratgeber. „Wir brauchen ein starkes Jugendamt mit selbstbewussten und fachlich versierten Kräften, die achtsam und sensibel gegenüber Risiken und Fehlern in der Arbeit sind“, so Uhrmeister. Nur so könnten Fehlentwicklungen rechtzeitig entdeckt und gegengesteuert werden.

 

Ingrid Müller, Leiterin der Sozialen Dienste des Paderborner Kreisjugendamtes, stellte die Gefährdungsstatistik für das Jahr 2019 vor. So wurden dem Paderborner Kreisjugendamt im vergangenen Jahr 468 Fälle (in 2018: 430 Fälle, in 2017: 440 Fälle) einer möglichen Kindeswohlgefährdung gemeldet. Die Zahl der Meldungen steigt, die Zahl der Situationen, in denen interveniert werden musste, ist rückläufig (189 in 2019, 197 in 2018, 221 in 2017). Erstmalig erfolgte eine Auswertung nach dem Kriterium „Sexuelle Gewalt“. In 2019 erreichten das Jugendamt 41 Meldungen mit dem Hinweis auf mögliche sexuelle Gewalt. In 80 % der Fälle war kein Eingriff des Jugendamtes erforderlich, weil sich entweder die Vermutung des sexuellen Missbrauchs nicht bestätigte oder aber die Eltern das Kind ausreichend schützten (z. B. Trennung vom mutmaßlichen Täter). Müller unterstrich, dass auch in diesen Fällen ein Beratungsangebot durch das Jugendamt, sowohl für die Eltern als auch die Minderjährigen, erfolgte. 

 

Gesamtgesellschaftlich habe die Sensibilität für sexuell grenzverletzendes oder übergriffiges Verhalten an als auch durch Minderjährige im vergangen Jahr deutlich zugenommen, lautet das Fazit des Paderborner Kreisjugendamtes. Das Kreisjugendamt reagiere darauf auch mit Vereinbarungen zur Zusammenarbeit im Kindesschutz. Kooperationspartner seien das städtische Jugendamt, die Kreispolizeibehörde und die Kinderklinik St. Louise in Paderborn.

 

Das Paderborner Kreisjugendamt ist zuständig für die Städte und Gemeinden des Kreises Paderborn mit Ausnahme der Stadt Paderborn, die über ein eigenes Jugendamt verfügt.

 

Sämtliche Vorträge inklusive Gefährdungsstatistik können unter www.kreis-paderborn.de eingesehen werden.

Bildunterzeile Jugendhilfeausschuss: Kindesschutz im Blick: Ingrid Müller, Leiterin der Sozialen Dienstes des Kreisjugendamtes Paderborn, Dr. Friedrich Ebinger, Chefarzt der Kinderklinik Paderborn, Christine Gerber, Deutsches Jugendinstitut Münster, Kreisjugendamtsleiter Günther Uhrmeister, Friedhelm Kaup, Vorsitzender des Kreisjugendhilfeausschusses, Kreisdirektor und Jugenddezernent Dr. Ulrich Conradi, Professor Dr. Hans-Jürgen Schimke bei der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses im Paderborner Kreishaus.