„Wenn es brennt, hilft Frau Aspin!“

Kreistag verlängert Projekt zur Berufsorientierung für Geflüchtete

Kreis Paderborn (krpb). Er ist nervös, die Hände sind schweißnass, aber vor allem ist er stolz: Vor drei Jahren floh der heute 20-jährige Shaker aus dem Irak nach Deutschland – ohne Sprachkenntnisse und ohne das Land zu kennen. Heute hält er stolz sein Hauptschul-Abschlusszeugnis in der Hand, hat seinen Ausbildungsplatz in der Tasche und als Klassensprecher der Ausbildungsvorbereitungsklasse am Berufskolleg Schloß Neuhaus hält der junge Flüchtling die Abschlussrede – auf Deutsch. Sorgfältig hat er die Rede geübt und er nutzt sie, um den Lehrkräften und den zwei Frauen zu danken, ohne die sein großer Erfolg nicht möglich gewesen wäre, der Schulsozialarbeiterin Jana Evers und der Praktikumsakquisiteurin Ingrid Aspin vom Bildungs- und Integrationszentrum (BIZ) des Kreises Paderborn.

„Den jungen Flüchtlingen fehlt das Wissen um unser duales Ausbildungssystem und die Vielfalt der möglichen Berufe. Vor allem aber fehlt ihnen auch das ‚Vitamin B‘ der Eltern, die keine Kontakte zu Unternehmen haben, wo sie nach einem Praktikum fragen können“, erzählt Aspin. Sie und die anderen drei Akquisiteure seien vor daher mehr als reine Vermittler von Praktikumsstellen, sondern „Kümmerer“ für die Jugendlichen, die sich mit all ihren Fragen und Sorgen an sie wenden können.

Das Projekt „Praktikumsakquisiteure“ des Bildungs- und Integrationszentrum des Kreises Paderborn existiert bereits seit 2016. Jedes Berufskolleg, das eine Internationale Förderklasse hat, wird durch einen Akquisiteur oder Akquisiteurin unterstützt. Nun hat der Kreistag in seiner letzten Sitzung das Projekt für weitere zwei Jahre verlängert. „In den jungen Leuten steckt ganz viel Potential. Aber in einem fremden Land, mit einer neuen Sprache und vielfach ohne Unterstützung der Eltern, brauchen sie Hilfe um dieses Potential auch voll zu entfalten“, erklärt Landrat Manfred Müller. Für die Verlängerung sprachen nicht zuletzt die guten Ergebnisse der vergangenen Jahre: Gut ein Drittel der Schülerinnen und Schüler, die von den Praktikumsakquisiteuren betreut wurden, besucht nach dem Erwerb des Hauptschulabschlusses weiterhin die Schule, um einen nächsthöheren Schulabschluss zu erlangen. Für zwei Drittel schließt sich nach dem Schulabschluss eine Ausbildung oder eine Einstiegsqualifikation an.

„Wir schauen nicht auf die Nationalität, sondern auf das Engagement und den Lernwillen der Bewerber. Ein Praktikum ist eine gute Möglichkeit, einen Eindruck von den jungen Menschen zu bekommen“, erzählt Michael Friesen von der Firma Brüggemeier Heizung, Gas, Sanitär in Delbrück. Bei ihm absolvierte Shaker auf Vermittlung von Ingrid Aspin ein Praktikum. Trotz noch vorhandener sprachlicher Schwierigkeiten überzeugte er dabei mit seinem Fleiß, seiner Wissbegierde und Zuverlässigkeit so sehr, dass er dort im Betrieb im August seine Ausbildung beginnen kann.

Auch Shakers Klassenkameradin, die 17-jährige Syrerin Viyan, wird von der Praktikumsakquisiteurin unterstützt. Ihr Vater und ihr Großvater sind Ärzte. Ihr Wunsch Medizin zu studieren, liegt daher nahe. Aber geht das so einfach in einem fremden Land mit fremder Sprache und einem Ausbildungssystem, das so ganz anders ist als im Heimatland? Aufgrund der anfangs fehlenden Sprachkenntnisse muss sich Viyan wie alle jungen Geflüchteten von unten im Bildungssystem hocharbeiten. Gerade hat sie ihren Hauptschulabschluss mit der Note 1 gemacht – als Beste in ihrer Klasse. Als nächstes strebt sie den Realschulabschluss an. Nebenbei hat sie, von Aspin vermittelt, ein Praktikum im Krankenhaus gemacht. „Ich bin ganz sicher, dass Viyan ihren Weg gehen wird, konsequent mit viel Disziplin und Fleiß“, sagt Ingrid Aspin, der ihre Schützlinge sehr ans Herz gewachsen sind. Kein Wunder, dass ihre ehemaligen Schülerinnen und Schüler von ihr sagen: „Wenn es brennt, hilft Frau Aspin!“

Neben den Praktikumsakquisiteuren für die Internationalen Förderklassen an Berufskollegs wurde 2018 ein weiteres Berufsorientierungsprojekt für Geflüchtete ins Leben gerufen. Die „Praktikumsakquisiteure Ü18“ des BIZ kümmern sich um junge, Erwachsene, die nicht mehr schulpflichtig sind. Auch dieses Projekt wurde nun vom Kreistag für zwei weitere Jahre verlängert.

Bildunterzeile: Geflüchtete fassen Fuß auf dem Arbeitsmarkt mit Unterstützung der Praktikumsakquisiteure – (v.l.) Schülerin Viyan Ibrahim, die Schulsozialarbeiterin Jana Evers, die Praktikumsakquisiteurin Ingrid Aspin und Schüler Shaker Ari Hussein.

Foto: Bildungs-und Integrationszentrum Kreis Paderborn